Andreas Kurz - Bild und Text


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Frankfurter Buchmesse 2007

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Frankfurter Buchmesse 2007

Einmal Wurst und zurück

Der alte Hut gleich vorweg. Die Frankfurter Buchmesse ist nicht unbedingt das, was man sich als Autor wünscht. Denn allein die schiere Masse dieses absurden Überangebots erfordert schon ein gerüttelt Maß an Selbstüberschätzung, um sich nicht binnen kürzester Zeit als sehr kleine Wurst vorzukommen. Beim Gang durch die Hallen scheint einem ständig jemand ins Ohr zu flüstern: "Bedenke, dass du sterblich bist. Und darüber hinaus nur ein schwach behaartes Nichts."

Doch das sollte man eigentlich bereits wissen, bevor man überhaupt hinfährt. Wein halt nachts ins Kissen, aber sonst - be professional. Ich war außerdem vom Eichborn-Verlag eingeladen worden, in ein gutes Hotel. Es waren zwei Pressetermine am Nachmittag und eine Lesung am Abend angesetzt. Dazu sollte ein Gespräch auf dem roten Sofa des Verlages stattfinden. Und am nächsten Tag hatte ich noch zwei Gespräche auf den Ständen der beiden anderen Verlage, bei denen ich ein Buch veröffentlichen konnte, im Terminkalender. Das ist doch was, oder nicht? - "Bedenke, dass du ..." Ja, schon gut, hab's kapiert.

Erster Tag, Mittwoch. Ortszeit: 14 Uhr.
Ich bin mir sicher, dass dieselbe Pfeife, die den Frankfurter Flughafen beschildern durfte, auch den Auftrag für die Messe bekam. Ich kann ihn direkt vor mir sehen, ein verhuschtes schmales Männlein mit Baskenmütze über dem linken Ohr. Ich muss in die Halle 4 und folge den Anweisungen. Links herum, rechts herum, Rolltreppe hinauf, Rolltreppe runter und jetzt ... äh? Halle 4 via 3. Eine andere Möglichkeit steht nicht mehr da. Also einmal quer durch die verstopften Gänge, Hindernislaufen zwischen Luftlöcher-Guckern und Einkaufswägelchen-Ziehern. Direkter geht nicht? Zum Beispiel für jene, die eilig fürbass schreiten möchten, weil die Zeit eilt und sie Halle 3 im Moment nicht so toll interessiert? Nö. Jedenfalls nicht auf den Anzeigetafeln. Ich verlasse die Halle und überquere lieber den großen Platz in Richtung der im Freien unübersehbaren Halle 4, vorbei am Spiegelzelt, in dem man an Diskussionen teilnehmen darf, wenn man bekannter ist als ich.

Ich bin zu früh dran, aber genau das wollte ich. Mein erster veröffentlichter Roman, das so genannte Debut, heißt NACHTFALKEN. Mit ihm gewann ich den Eichborn-Preis zum 26.Verlagsjubiläum, der 2006 ebenhier auf der Buchmesse vergeben wurde. Ich war also letztes Jahr schon mal in Frankfurt, freute mich über den Scheck und die Aussicht auf eine Veröffentlichung, versprechen wollte man mir damals aber nichts. Jetzt bin ich wieder hier und sehe mein Buch im Regal stehen. Die meisten Buchcover thronen als Plakate oben an den Stellwänden. Meins ist nicht dabei. Für die Haupttitel gibt es eigens dekorierte Wände. Es gibt Gitarre-förmige Lesezeichen für Frank Goosens Buch "So viel Zeit". Eine nette Idee. Mein Buch hat nur sich selbst. Verschämt werfe ich ihm einen Blick ins Regal zu. Willkommen in der Welt des Hintergrundrauschens.

Eichborn ist kein kleiner Verlag. Aber auch kein wirklich großer. In der Mitte ist es wahrscheinlich besonders schwer. Auf der einen Seite der erhöhte Kostendruck, auf der anderen die eng begrenzten Budgets. Und immer die fiebrige, allgegenwärtige Frage, wohin geht der Trend, was will der Markt, der Buchhandel, der Leser? Man ringt um ein geschärfteres Profil mit klarer erkennbaren Ecken und Kanten. Vor allem wünscht man sich Bestseller und Starautoren. Die Stars dieses Jahres sind Jan Costin Wagner und vor allem Frank Goosen. Ein düsterer Thriller im nordischen Stil ("Das Schweigen", die Handlung spielt in Finnland), und ein leichter, humorvoller Roman aus dem Hier und Jetzt deutscher Wirklichkeit ("So viel Zeit"). Beide Autoren sind Routiniers, Frank Goosen ist dazu noch eine echte "Rampensau", besser gesagt, ein erfolgreicher Kaberettist mit eigenem Bühnenprogramm. Auf der verlagsinternen Bestsellerliste stehen Hörbücher neben Sachbüchern, Romane neben Thrillern. Platz 1 hält gerade ein Sachbuch über Sex. So viel zum Thema Neue Trends.



Mein Empfang am Messestand ist warmherzig und nett. Meine Lektorin, die Dame von der Presse, andere, die nur mal so Hallo sagen, alle lachen, alle sind gut drauf, keiner wirkt, als müsste er sich verbiegen und eine Maske aufsetzen. Man ist locker, auch untereinander, man duzt sich. Der Programmchef nimmt sich Zeit für mich, wir plaudern und natürlich versuche ich, ein wenig die Stimmung rund um mein Buch auszuloten. Viel kann ich nicht wahrnehmen. Es gab einige Rezensionen, durchweg positiv, in allen möglichen Medien, sogar bei SPIEGEL online und der Süddeutschen Zeitung. Trotzdem findet man mein Buch in kaum einer Buchhandlung. Der Händler sei eben schwierig. Ich trau mich nicht zu fragen, ob mein Buch letztlich nur die Tapete sei, die jeder Verlag braucht, um sein Programm nach außen hin breit aufzustellen. Diesen Ausdruck verwendete mal eine Agentin in einem Interview. Er blieb bei mir haften.



Zwei Pressetermine stehen jetzt an. Der erste fällt gleich aus, die Frau von der dpa kommt nicht, niemand kennt den Grund. Der Fotograf von teutopress ist dafür sehr nett, macht ein paar Bilder und geht wieder. Er sagt, er sammelt die Autoren fürs Archiv. Falls mal einer anfragt. Falls eben. Nun steht noch das Gespräch auf der roten Couch zwischen mir und dem Programmchef aus. Die Idee dazu hatte wohl die Presseabteilung, nicht er, und heute ist der erste Tag der Messe, wo noch nichts eingeübt werden konnte. Er wundert sich genau wie ich, für wen wir uns denn da auf dem Roten Sofa unterhalten sollen, denn es gibt hier nur Fachpublikum, also Leute, die vom Buch leben müssen, statt es sich am Abend im Bett vors Gesicht halten zu dürfen, bis die Augen zufallen. Die stets optimistische Pressedame wischt unsere Bedenken fort, also ziehen wir es durch und plaudern munter drauf los. Ich tue dabei so, als wäre ich knapp an der Longlist vorbeigeschmirgelt. Auch lese ich eine Seite aus meinem Buch vor und bemerke dabei schmerzlich, dass Romane sich dem schnellen Häppchen zwischendurch sperrig verwehren. Da sowieso kaum jemand stehen bleibt, ist es auch egal. Zum Abschluss wünscht mir der Programmchef viel Erfolg für meine Bücher in seinem oder einem der anderen Verlage, in denen ich Bücher veröffentliche. Ein Satz, auf den ich später angesprochen werden sollte, von wegen, wie meinte der denn das eigentlich? Ich gehe davon aus, einfach nur nett.

Zum Abend bricht eine kleine Eichborn-Gruppe gemeinsam auf, um zuerst beim Italiener etwas zu essen und danach die Lesung in der Frankfurter Romanfabrik zu bestreiten. Ich bin dort Programmpunkt Nummer Zwei. Der Italiener ist schon rauchfrei, hier sind die Hessen uns Bayern voraus, ich persönlich genieße es. Andere verschwinden ständig nach draußen zu den Heizstrahlern. Um Acht gehen wir über den Hof in die "Romanfabrik", in der ein Pianist schon tapfer gegen den Lärm anspielt. Der gar nicht so kleine Saal ist gut gefüllt. Es sind einige Eichborn-Mitarbeiter mit ihren Partnern hier, aber auch echtes Publikum, wie man mir sagt, die Stimmung wirkt jedenfalls gut. Zuerst lesen Tina Uebel und Friederike Moldenhauer aus der von ihnen zusammengestellten Anthologie "Sex ist eigentlich nicht so mein Ding". Sie wirken etwas nervös und brauchen eine Weile, bis sie ihren Rhythmus finden und sich nicht mehr dauernd versprechen. Eine Geschichte erzählt von einem Mann, der seinen Schwanz hasst und ihn sich abschneidet. Meine Lektorin sagt, andere Geschichten seien weitaus lustiger. Das Buch soll sich gar nicht schlecht verkaufen.

Bis zu meiner Lesung bin ich angespannt und nervös. Als ich dann vorne am Tisch sitze und den letzten Takten des Pianos lausche ("As Time goes by"), werde ich angenehm ruhig. Das erlebe ich manchmal so, und es hilft ungemein. Leider stellt mir keiner ein Glas Wasser hin wie den beiden Damen vorher. So hatte ich mich nicht selbst darum gekümmert und hoffe jetzt, dass mir die Zunge nicht am Gaumen kleben bleibt. Ich bemühe mich langsam zu lesen und die Dialoge richtig zu betonen. Meine gewisse Poetry Slam-Erfahrung hilft mir dabei. Denn genau das scheint vielen Autoren zu fehlen: die Übung eigene Texte vorzulesen. Da die gewählten Passagen nicht besonders witzig sind, jedenfalls nicht, wenn sie aus dem Zusammenhang gerissen werden, spüre ich kaum Reaktionen im Publikum. Wenigstens bleibt es mucksmäuschenstill. Nach gut zwanzig Minuten höre ich auf. Der Applaus ist freundlich und ich darf sogar zwei Exemplare signieren. Danach kippe ich ein großes Glas Wasser runter und einen Rotwein hinterher. Angenehme Müdigkeit senkt sich über mich.



Nach der Pause kommt Frank Goosen. Er ist fast kahl und ziemlich dick, ein wuchtiger Typ, sympathisch. Er hatte gerade noch einen Auftritt woanders gehabt. Er umarmt den Programmchef, man ist per Du. Sein Auftritt ist bewundernswert perfekt. Er plaudert, macht Witze, er bezieht das Publikum mit ein. Immer wieder bricht er sein Vorlesen ab, um etwas anderes zu erzählen. Man kann viel von ihm lernen. Auch, dass 1.500 Bühnenauftritte als Kabarettist eine geniale Schule waren.
Auf der Fahrt zum Hotel bleibt vor uns ein Taxi stehen, statt bei Grün weiterzufahren. Ein Mann quält sich vom Rücksitz, er hat schwere Schlagseite. Er pisst hinter eine Werbetafel an einer Trambahnhaltestelle. Frankfurt Nightlife.

Frankfurter Buchmesse 2007

Der zweite Tag

Besonders gut geschlafen habe ich nicht. Ich weiß nicht so recht, warum. Das Zimmer trifft allerdings keine Schuld. Den Frühstücksraum teile ich mir mit mindestens der halben Shortlist des Deutschen Buchpreises. Im SPIEGEL, in dem ich blättere, sehen mich die gleichen Gesichter an wie vom Tisch nebenan, absurd. Julia Frank, die Gewinnerin, ist klein und zierlich. Sie steht unentschlossen beim Müsli und ist in ständigem Gespräch mit anderen. Sie trägt schwarz wie auf allen Fotos, die ich von ihr kenne. Viele Autoren lieben ja schwarz. Wir Existenzialisten, was? Ha, ha.

Ich höre Roger Willemsens markante Stimme. Er wirkt sehr locker und entspannt. Die Gespräche drehen sich ganz allgemein um Grammatik und Stilfragen. Um die Werke großer Autoren. Und warum man eine Figur nicht anders als gewählt agieren ließ. Man erzählte mir, die Buchmesse sei als einzige Frankfurter Messe bei den Umsätzen der Bordelle und Clubs praktisch nicht zu spüren. Am besten liefe dort die Sanitärmesse mit ihren Tausenden Vertretern. Irgendwie sind wir alle ziemliche Pappnasen.

Heute will ich zuerst bei Ubooks vorbeischauen. Dort heißen fast alle Andreas. Von den Inhabern über die Autoren bis zum Lektor. Andreas Reichardt sprach mich nach meinem ersten Poetry Slam an, ob ich noch mehr solcher Geschichten hätte. Ich hielt ihn zuerst für einen Vertreter jener Zuschussverlage, die man als Autor auf jeden Fall meiden sollte. Doch er und sein Partner Andreas Köglowitz meinten es ernst. Es dauerte zwar noch lange, aber 2006 erschien "Das verdammte Glück", ein kleiner Band mit 26 Kurzgeschichten, inzwischen in zweiter Auflage.



Witzigerweise liegt der Ubooks-Stand dem von Eichborn im Seitenflur gegenüber. Ubooks ist zum ersten Mal auf der Buchmesse in Frankfurt. Sonst waren sie nur in Leipzig, wo die Standmieten sehr viel günstiger sind. Mein Buch ist kein Bestseller, eher ein Longseller. Die Geschichten darin sind witzig, poetisch, skurril. Sex und Gewalt verkaufen sich besser. Oder sagen wir präziser: schneller. Der diesjährige Spitzentitel bei Ubooks heißt "Seelenf***". Der Amazon-Verkaufsrang ist gleichmäßig unter Tausend. Die beiden Andreas haben alles richtig gemacht. Irgendwie passe ich mit meinen Geschichten nicht so recht dazu. Trotzdem funktioniert es. Ich mag die beiden, sie haben noch Bauchgefühle.

Kurz vor Mittag gehe ich in die Halle 3, Kinder- und Jugendbücher. Überall hängen riesenhafte Plakate von verzauberten Märchenwelten, grinsenden Drachen und glitzernden Schlössern. Erfolgreiche Autoren scheinen nur noch Serien zu schreiben. Harry Potter ist hier der Gott und der Maßstab, unter dem alles andere zu Staub zerbröselt. Joanne K. Rowling, du Milliardärin, oh, führe uns zum Bestseller-Manna! Die Titelbilder zeigen überbordende Ornamentik und pathetische Grafik. Meist geht es in diesen Geschichten um nichts weniger als die Errettung des ganzen Universums vor dem Bösen. Als wolle man die Konkurrenz durch schiere Überfrachtung erdrücken. Das Gesicht Kai Meyers schwebt über mir und lächelt milde herab. Er trägt ein Piercing unter der Unterlippe. Auf seiner Homepage schreibt er, dass er seine Geschichten erst als Exposé entwirft und dann mit dem Verlag in enger Zusammenarbeit abstimmt. Wenn alle Eckdaten passen, schreibt er innerhalb kurzer Zeit das Buch. Er ist ein absoluter Vollprofi. Ich habe kein Piercing.

Überall Tintentod, kommt mir vor. Cornelia Funke schrieb den dritten Teil einer Geschichte, die eigentlich nach dem ersten Buch zu Ende war. In einer Rezension las ich, ihr Buch sei zu lang und die Figuren zu "papieren". Es hat eine Startauflage von einer halben Million Stück und wurde in den ARD-Nachrichten erwähnt. Es steht jetzt auf Platz 1 der SPIEGEL-Bestsellerliste. Frau Funke lebt glücklich in Los Angeles. Sage hier keiner, er wolle das nicht.

An der Standfläche kann man die Bedeutung eines Verlages ablesen. Oder auch nur, was sie gerne bedeuten würden. Verlagsimperien müssen natürlich klotzen, auch wenn die Pleite droht. Große Autorennamen, donnernder Werberummel, hymnische Rezensionszitate wie "Sicher das Beste, was jemals geschrieben wurde". Daneben die "Mittelständler", die sich wie überall kräftig nach der Decke strecken müssen. Entweder tun sie einfach so, als wären sie schon groß, oder sie bauen ganz auf die Nische, die sie besetzen möchten. Dann, an den ausfransenden Rändern, der Rest, die Kleinen. Auf ihrer Internetseite werben sie stolz mit dem Satz: "Besuchen Sie uns auf der Frankfurter Buchmesse. Sie finden uns in Halle ..." Sie sind froh, das Geld für die Standmiete zusammengekratzt zu haben.

Mein erster Jugendroman heißt WOLKENFAHRER und erschien gerade im Jungbrunnen-Verlag in Wien. Bisher kannte ich dort niemanden persönlich, wir hatten nur telefoniert. Jetzt auf der Messe war eine gute Gelegenheit das nachzuholen. Jungbrunnen ist ein kleiner Verlag, der nur wenige Titel im Jahr macht, für die man sich besondere Mühe gibt. Ich schrieb diese Geschichte, weil ich sie gut fand und unbedingt schreiben wollte. Ich verfasste kein Exposé und stimmte mich mit keinem Verlag vorher ab. Ich wollte mir nicht dreinreden lassen. Ich hatte alles falsch gemacht. Ich war nicht professionell.
Als der Roman fertig war, gab ich ihn meiner Agentin. Sie war begeistert und mir fiel ein Stein vom Herzen. Große Verlage zeigten sich anfangs sogar interessiert, es sah richtig gut aus. Dann kamen die Ablehnungen. Zu lang, nicht restlos überzeugt, passt nicht ins Programm. Das übliche Genöle. Für etwas Neues will sich keiner persönlich aus dem Fenster lehnen. Die Wahrscheinlichkeit, dass es sich nicht verkauft, ist groß. Also besser nicht.

Ein Jahr verstrich, zwei, es sah mittlerweile schlecht aus. Also habe ich gekürzt, von über 600 auf etwas über 400 Seiten. Die Handlung war jetzt straffer und schneller, die Geschichte hatte dazugewonnen. Meine Agentin zog wieder los. Doch was bereits mal abgewunken worden war, interessierte jetzt keinen mehr. Nur bei Jungbrunnen stand man zu seinem Wort, es dann noch einmal prüfen zu wollen, wenn es nicht viel mehr als 250 Seiten werden. Zwei-fünf-null?

Das Löschen ganzer Handlungsstränge und Figuren war hart. Die Arbeit langer Monate wurde da markiert und entfernt. Nicht weil es schlecht war. Nur zu lang.

Da steht also mein Buch im Regal. Es gibt keine Deckenhänger, Plakate oder Flyer. Keine Give-aways, Pressekonferenzen oder farbige Couchgarnituren. Mein Gesicht lächelt von keinem Plakat. Mein Buch hat nur sich selbst. Vielleicht entdeckt es ein Rezensent, vielleicht stellt es ja doch mal ein Buchhändler ins Regal. Die Geschäftsführerin von Jungbrunnen erzählt mir, die Vertreter berichten, dass die Buchhändler mein Buch zu teuer finden. Es kostet so viel wie die von Kai Meyer, sechs Euro weniger als Tintentod und acht Euro weniger als der neue Harry Potter. Aber damit darf ich es natürlich nicht vergleichen. Diese Halle quillt zwar über mit Märchen, nur glaubt keiner an sie.

Wir unterhalten uns über die Möglichkeiten zu werben. Sehr schwierig, es gibt kein Budget dafür. Ich erzähle, dass ich die Internetseite zum Buch gebaut habe, um diese Möglichkeit rechtzeitig zu besetzen. Wer jetzt "Wolkenfahrer" bei Google eingibt, findet an erster Stelle die Homepage meines Buches. Ja, das sei natürlich gut. Vielleicht bringe das ja was. Nein, sage ich, das bringt erst etwas, wenn es Leser und Nachfrage gibt. Jemand schlägt vor, man könnte mal eine Lesung arrangieren, z.B. in Schulen in München, denn da entfielen die Reisekosten. Klar, sage ich, da bin ich gerne dabei. Lesungen bekäme man allerdings nicht leicht, wird ergänzt. Würde ich schon erfolgreich verkaufen, wäre es einfacher. Aber dann gäbe es auch Deckenhänger und ein Plakat mit meinem Gesicht. Es würde über uns schweben, und ich würde milde auf uns herablächeln.

Meine Agentin muss weiter, ihre Messetermine sind eng gesteckt. Auch ich verabschiede mich bald, keiner hat hier ewig Zeit für Plaudereien. Zum Abschied werfe ich noch einmal einen Blick auf mein Buch. Wir beide wirken hier in Frankfurt in gewisser Weise lächerlich. Dabei geht es um nichts anderes als um das. Ein Autor hat ein Buch geschrieben und ein Verlag druckt es.

Heimfahrt. Ich bin zu früh am Bahnhof, aber ich hatte keine Lust mehr, nur einfach so über die Messe zu schlendern. Der ICE fährt pünktlich, es gibt heute keinen Streik der Lokführergewerkschaft.
Ich war gerne in Frankfurt, richtig gerne. Frankfurt ist Hype, Big Business und Show. Hier schlagen Weltkonzerne einander die Megaseller und PR-Strategien um die Ohren, dass es nur so raucht. Hier müssen Bücher "laut" sein, schrill, bedeutungsschwer. Hier ist alles unterhalb der Kategorie "Weltbestseller" nur noch die bunte Dekoration, vor der sich die Stars für die Kamerateams in Pose werfen, falls sie dem Plebs überhaupt ihre Gunst erweisen.

Inmitten dieses Chaos merkt man erst, wie zufällig alles ist, wie wenig vorhersehbar, und wie unsicher all jene agieren, die nach außen behaupten, sie hätten ein sicheres Gespür dafür. Wer genauer hinschaut, kann erkennen, dass das, was als Trend gefeiert wird, einst ganz klein in irgendeiner Ecke begann. Es war das Neue, von dem die meisten die Finger ließen, weil keiner sagen konnte, ob es jemals funktionieren würde. Ob es Kohle bringt und Umsatz, ob es die eigene Karriere befördert. Frankfurt hat kein Bauchgefühl. Am besten hängt man sich noch immer an jene, die bereits Erfolg haben. Warum sollte es bei Büchern auch anders sein.

Ich selbst bin eine kleine Wurst und fahre nun wieder nach Hause. Alle, von denen heute geredet wird, waren mal eine solche kleine Wurst. Jeder. Der Unterschied liegt eigentlich nur in der Zeitdauer, für die man es ist. Bei manchen geht es rasend schnell vorbei. Bei anderen dauert es sehr lange. Viele bleiben es für immer.

Was ich jetzt machen werde? Ich sage es Ihnen, es ist ganz einfach.
Weiter.


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